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Tangodanza
Briefe an Karla

(7. Brief)


Liebe Karla,

die Rekonvaleszenz meiner persönlichen Krise, von der ich dir in meinem letzten Brief berichtet hatte, hat begonnen. Bald werde ich wieder ganzheitlich hergestellt sein, um Tango zu tanzen. Hoffentlich werde ich in der Zeit des Wartens auf vollständige Genesung nicht alt und faltig. Dann wäre es womöglich zu spät, um mir hinreißende Tanzschuhe zu kaufen. Wahrscheinlich wäre ich dann zudem noch gebrechlich, so dass ich die High Heels nur im Sitzen tragen könnte. Und dann ganz sicher in Seidenstrümpfen, die all die Alterstätowierungen verbergen. Ich meine damit unschöne geplatzte Äderchen, Andeutungen von Krampfadern oder Zellenzusammenbrüche in Form von Hautdellen. Vielleicht könnte ich dann gar nicht mehr meinen beschuhten Fuß von mir strecken und ihn beim Hin- und Herdrehen stolz betrachten, weil ich in einem Einzelzimmer eines gewissen Etablissements sitze, das da heißt 'Abendrot' oder 'Ruheparadies im Stadtpark'. Eine unerträgliche Vorstellung!

Mein tanzloses Leben habe ich zumindest mit Informationen über den Tango gefüllt. Aus dem Internet erfuhr ich von einer Milonga 'Isomnia' – übersetzt: 'Schlaflosigkeit'. Das machte mich neugierig, und beim näheren Betrachten der Webseite spürte ich eine gewisse Anziehung und einen leisen Wunsch, dort auch einmal hinzugehen. Immerhin bieten sie um 21.00 Uhr eine winzige Práctica an, in der die Grundschritte des Tango zu lernen sind, damit man 45 Minuten später auch tanzen kann. Diese Information legte meine Stirn in Falten. Ich las weiter und fand im Text, dass auf dieser Milonga „der Mann dominant ist“. ???. Diese Wortwahl habe ich beim Tango nie gehört! Nie! Weder 'Sandelholzöl' noch 'Panther' haben je dieses Wort benutzt.

Die Bilder auf der Webseite sollen Tango tanzende Paare zeigen. Ich konnte nichts erkennen. Wie schimmernde Projektionen von aufgelösten Konturen erkannte ich nur rote und gelbe Lichtfäden auf dunklen Hintergrund. Ein Hauch von einem Mieder glaubte ich zu erkennen. Alle Bilder waren undeutlich. Auf allen mir bekannten Internetseiten von Tangoveranstaltungen sind die Fotos von Milongateilnehmern immer gestochen scharf. Hier nicht!

Der Gedanke drängte sich mir auf, dass grundlegende Kenntnisse vom Tangotanzen auf der insomnianischen Milonga nicht unbedingt notwendig sind.

Ich suchte nach weiteren Informationen und klickte auf den Link 'Tanzpartnersuche'. Ein Mann suchte dort eine Frau, die mit ihm 'Tango Erotica' tanzt. Seine Kenntnisse vom Tangotanzen markierte er mit 'Keine Kenntnisse'. Jetzt wollte ich es genau wissen.

Unter http://www.berlin.de/orte/club/insomnia/ fand ich folgenden Text:

„Langweilig ist anders – Im Insomnia Club Berlin kommen Korsagenliebhaber, offenes Partyvolk und libidöse Nachtschwärmer voll auf ihre Kosten..... Das Insomnia befriedigt alle Sinne: Bekannte DJs legen auf, erotische Performances machen Lust auf mehr, und auf den Designermöbeln ist nicht nur Sitzen erlaubt.... Wer ins Insomnia gehen möchte, sollte keine übermäßigen Schamgefühle hegen, aber für wen das Motto "Leben und leben lassen" nicht nur eine Phrase ist, der ist im Insomnia genau richtig...“

Ach, was es alles gibt in dieser verrückten Stadt, meine liebe Karla. Also, für diese Milonga brauche ich definitiv ein anderes Outfit – und zwar innerlich wie auch äußerlich. Natürlich werde ich dort niemals hingehen, es sei denn ich brauche dringend einen Mann für einen Tango Erotica, damit die weibliche Befindlichkeit harmonisiert wird. Das kann vielleicht vorkommen in den bevorstehenden langen, dunklen und einsamen Herbsttagen.

Jetzt aber ziehe ich mir mein Flanellnachthemd an und werde in wenigen Minuten in mein weiches Bett versinken. Ich bin mir sicher, dass heute Nacht in Rotlicht getünchte Traumbilder vom Tango Erotica meinen Schlaf begleiten werden.

Liebe Grüße
von deiner - M.

© 2014 Tangodanza


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