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Tangodanza
Briefe an Karla

(6. Brief)


Liebe Karla,

Tangotanzen mit dominant persönlichen Problemen emotionaler Herkunft geht offensichtlich gar nicht. Ich habe mich heute schwer getan mit dem Tanzen. Meiner Befindlichkeit bewusst, habe ich mir erst einmal ein neues Kleid gekauft. Es steht mir ganz wunderbar. Die feinen schwarzen Nylons akzentuieren die Wohlgeformtheit meiner Beine, und am Nachmittag hat mein Friseur die letzten hängenden Haarsträhnen in schwingende Locken verwandelt. Alles perfekt! Sogar das neue Anti-Aging-Strechgel für meine Wimpern zeigt einen optischen WOW-Effekt. Alles ist gut! Nur, ich weiß nicht, irgendwie fühle ich mich überhaupt nicht so, wie ich im Spiegel aussehe.

Würde der Spiegel zeigen wie ich mich fühle, würde ich wahrscheinlich in einem viel zu großen karierten Flanellschlafanzug mit zotteligen Haaren, ungeschminktem Gesicht und gesenkter Kopfhaltung bewegungslos herumstehen. Vermutlich hätte ich ganz leicht die Unterlippe nach vorne geschoben und auf meinen Schultern würde eine unsichtbare Last meine ganze Körpergröße um ein Viertel reduzieren.

Der Spiegel projiziert aber eine sexy Frau, elegant und gepflegt. Nicht zu aufdringlich und nicht zu diskret. Aufrechter Stand, perfekte Ausstrahlung. Nur bei genauer Betrachtung – na gut, ich lass das jetzt.

Ich drehe mich um und gehe Richtung Garderobe. Der Gang zu meinem Mantel wird schleichend, und mein Ganzkörpermuskeltonus beginnt auf der Fahrt zur Milonga noch mehr zu schwächeln. Dort angekommen klingt die Tangomusik irgendwie undeutlich und ich zweifele an meinem Gehör. Ich bilde mir ein, dass ich die in die dunkelsten Tiefen abgleitenden Töne einiger Bratschen höre, die irgendein Requiem von Johannes Brahms antreiben. Hä?

Fast gänzlich teilnahmslos übergebe ich das Eintrittgeld in Münzen an ein bezauberndes Lächeln, das einem jungen Kassenboy gehört. Ich gehe direkt zu den Waschräumen. Dort kniet eine sehr hübsche Frau in einem sehr freundlichen Kleid am Boden und zieht feine, seidige Strumpfhosen über ihre Beine. Ihr Gesicht wirkt offen und ihre Augen weich und warm. Am liebsten würde ich mich in ihre Arme schmeißen, so elendig fühle ich mich heute. Der Streit im Büro hat mehr Auswirkungen auf meine Befindlichkeit als mir lieb ist. Die Fremde schenkt mir ein Lächeln. Das fühlt sich gut an.

An der Theke bestelle ich mir ein Wasser und werde sofort inniglich geküsst. 'Sandelholzöl' begrüßt mich heiter. Aus der Glocke meines Trübsinns küsse ich knapp zurück, nehme mein Wasser und setze mich an einen kleinen Tisch nahe der Tanzfläche.

Nach einer kurzen Zeit fordert mich ein Tänzer auf. Er trägt eine helle karierte, sehr sportive Jeans zu einem blauen Polohemd und auf seiner Stirn thront eine Sonnenbrille. Soweit ich mich erinnere, hat es den ganzen Tag geregnet. Für ihn offensichtlich Grund genug, zu später Nachtzeit eine jederzeit einsatzbereite Sonnenbrille zu tragen.

Seine Tanzhaltung erinnert an eine Bahnhofshalle. Ich könnte mich in jede Richtung begeben und würde wahrscheinlich nirgendwo ankommen. Da ich mich mittlerweile mit Tanzhaltungen auskenne, wende ich mich ihm linkshalbkörperlich zu und bleibe brav in meiner Achse und immer bemüht, 'Front-to-Front' mit ihm zu sein.

Milongatakte ertönen. Nach einer Weile gebe ich es auf zu erkennen, zu welchem Takt mein Partner tanzt: jeden, jeden zweiten, jeden vierten, dreiviertel, im Wechsel oder – ja, auch im Stehen und dabei ausgestrecktes Bein an das Standbein ziehend – gaaaanz langsam. Ob das wenigstens gekonnt aussieht? Natürlich folge ich seiner Bewegung.

„Absurd“, denke ich. Mein Partner tanzt sich euphorisch in einen expressionistischen Tanzstil, der nach ganz eigenen persönlichen Regeln irgendeinen Ablauf hat. Nur ich erkenne nichts und mache gute Miene zum unbequemen Spiel.

Immerhin haben mich die drei kunstvollen Milongatänze aus meiner Krisenglocke gelockt. Jetzt ist es mir wieder möglich, etwas entspannter und anwesender die Tanzenden zu beobachten. Heute sind mir damentechnische Sitzmomente ganz recht. So sitze ich in meinen feinen Strümpfen, dem schönen Kleid und den perfekten Haaren mutterseelenallein auf der Treppe, die zur Theke führt, und schaue aus meiner privaten Einsamkeit auf tanzende Füße. Nach einer Weile fängt mein Blick eine schöne, nackte Frauenschulter ein, die sich im Takt winzig nach oben und nach unten bewegt. Die Augenbrauen der dazu gehörenden Brünetten folgen dieser Bewegung. Das amüsiert mich.

Nach einer Weile heftet sich mein Blick an hautfarbene Leggings, die unter einem schwarzen weiten Rock hervorschauen. Ihre Besitzerin trägt dazu flache Schuhe und führt acht Zentimeter hohe, rot-schwarze Sandaletten. Darin stecken zarte nackte Füße, die Zehen knallrot lackiert.

Die hautfarbenen Leggings gehören zu einer dunkelhaarigen Frau, die leichtfüßig eine Blondine durch die Tanzenden navigiert. Ihre Hand gleitet geschmeidig auf das Kreuzbein der Dame, wenn sie sie ins Kreuz führt. Danach legt sie ihre Hand wieder sanft unterhalb des Schulterblatts ab. Ich finde, das sollte jeder gute Tangotänzer üben: Die Hand zart auf das Kreuzbein der Dame legen und sie mit zärtlichem Druck in ein Kreuz führen.

Das ist doch ein pikanter erotischer Moment – Mann und Frau sollten ihn genießen! Plötzlich kommt eine Frau auf die Tanzfläche, zupft ihr sowieso zu kurzes T-Shirt an ihren Hosenbund, legt sich dann in die Arme eines kleinen, supersüßen Argentiniers, begibt sich mit ihm in eine abgesonderte Welt und tanzt eine offensichtlich gemeinsam entworfene Bewegungskollektion. Eine hinreißende Gegenwart, die mich für Minuten meine Sorgen gänzlich vergessen lässt.

Ein sehr sympathisch wirkender Mann im blau-weiß-gestreiften Hemd bittet mich zum Tanz. Sein Lächeln strahlt aus einer sehr gepflegten, rosigen Männerhaut. Seine Hand ergreift sofort die meine und befreit mich aus jeglichen kantigen und sperrigen Körperhaltungen. Mühelos glättet er meine Befindlichkeiten in Wohlwollen und breitet einen weichen Himmel aus, auf dem wir wolkenleicht unbekümmert tanzen. Geschmeidig korrigiert er von mir nicht getanzte Drehungen, verpatzte Ochos, vergessene Ganchos und abgewehrte Volcadas. Ein richtiger Gentleman, der sich charmant für die schönen Tänze bedankt und mich an meinen Platz zurück führt.

Ich bin dankbar, dass ich zu dieser tangotanzenden Gemeinschaft gehöre, wo solche, wirklich guten Menschen anzutreffen sind.

Wieder auf meiner Treppe sitzend, nehme ich die Tätigkeit der Beobachterin wieder auf. Inzwischen trinke ich ein Glas Prosecco. 'Sandelholzöl' setzt sich neben mich und berührt mit seiner Handfläche meine Wangen. Ich erkenne meinen mir vertrauten Tanzlehrer und folge ihm auf die Tanzfläche.

Diskret lockt er meine Entschiedenheit hervor. Und heute spricht er nur ein einziges Mal in mein Ohr: „Geh, auch wenn du glaubst es geht nicht.“ Seine Worte erreichen mein Denken und fallen tosend in meinen Körper. Sofort tanzte ich wieder frei und mühelos.

Jetzt, zu Hause, meine liebe Karla, bin ich in meinem Badezimmer einer fetten Spinne begegnet. Ich hätte sie fast getötet und im Klo runtergespült. Aber ich habe sie dann aus dem Fenster geworfen. Das mache ich jetzt auch mit meinen dominanten persönlichen Problemen, emotionaler Herkunft.

Und auf meinen Spiegel klebe ich einen Zettel. Auf dem steht: „Geh’, auch wenn du glaubst es geht nicht."

Bis bald mit weiteren Tangoerlebnissen

von deiner - M.

© 2013 Tangodanza


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