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Tangodanza
Briefe an Karla

(4. Brief)


Liebe Karla,

mein Brief wird dich nicht wirklich überraschen, stand doch zwischen den Zeilen meiner letzten Briefe, dass die gekränkte Beziehungsauflösung mit dem Tango nicht von Dauer sein kann. Oder?

Tatsächlich kämpfte ich mit meiner Sehnsucht nach den flammenden Tangoerlebnissen und der schockierenden Oberfläche meines Egos. Letztendlich habe ich es nicht mehr ausgehalten, dem flüsternden Versprechen des Tango Widerstand zu leisten und folgte meiner unerlösten Hoffnung, vielleicht irgendwann mit dem „Panther“, wenigsten einmal, über das Parkett zu schweben. Dazu gehörte eine klare Entscheidung: „Wenn ich schon nicht mehr jung bin, dann will ich wenigstens exzellent tanzen!“ Also buchte ich erneut Einzelstunden, und wie von Zauberhand entdeckte ich in einschlägigen Internetportalen, dass der „Panther“ in meiner Stadt gastierte und unterrichtete. Sofort, Karla, wählte ich die Telefonnummer und buchte über eine Dolmetscherin eine halbe Stunde. Höchstpersönlich bei ihm! Mein Gott! Mehr als eine halbe Stunde Unterricht konnte ich mir aufgrund seiner exquisiten Honorarforderung nicht leisten. Mein Finanzminister sowie die Verwalterin meiner Kasse wären schlichtweg ausgeflippt, hätte ich eine Stunde gebucht.

Dann war es soweit. Mittags um zwei. Wer tanzt schon mittags um zwei Tango? Egal, mir war alles recht. Hauptsache: Ich in den Armen von ihm! Er sah mir in die Augen, nickte freundlich, verzog seinen wunderschönen Mund zu einem sparsamen Lächeln und kam auf mich zu.

Fassungslos folge ich seiner bedeutend langsamen Behutsamkeit, mit der er die normale Distanz zweier fremder Menschen in eine körperliche vertrauensvolle Nähe führt. Ohne Worte lehrt er meinem Körper, dass die Ausrichtung des Beckens die Verbindung zum Tanzpartner festigt und diese durch die genaue Achtsamkeit der Folgenden hält. Was also immer mein Becken auch tanzt, es bleibt in Bezug zu ihm, dem Tanzpartner. Heute also zum „Panther“. Zur praktischen Umsetzung dieser Anleitung bildet er mit seinen Armen einen intimen Raum zwischen uns und lässt mich darin Ochos tanzen.

Obenherum bleibe ich synchron zu ihm: Brust an Brust, Schulter an Schulter, Herz an Herz, Atem an Atem. Unerhört! Die Enge in seinen Armen heizt meine Körpertemperatur an und ich drohe herauszufallen. „Viel zu heiß hier“, denke ich und schraube meinen Blick auf ein einzelnes graues Brusthaar, das aus seinem Poloshirt keck hervorlugt. Meine Schwäche, sicherheitshalber in Ohnmacht zu fallen oder den aufdringlichen Wunsch, seine Männlichkeit an meine Brust zu ziehen, spürt er professionell auf und löst den ganzen Zauber mit einem einzigen Wort, das er multikulturell betont: „Auuhfpasse!“

Bedauernd ausatmend korrigiere ich sofort meine Achse, arretiere mein Becken in die neu erlernte verantwortliche Position und schaue einen Millimeter über das graue Brusthaar hinweg, vergesse Hitze und all das andere von „Beute wittern“ und argentinischer Männlichkeit und stelle mich der Ernsthaftigkeit des gelebten Augenblicks.

Und tatsächlich, mein Verstand meldet sich sofort und ich verstehe eines, nämlich: „Von wegen Folgen! Und dann rummeckern, dass der Mann mal wieder nicht richtig führt“, geht gar nicht. Hier geht es um etwas ganz anderes.

Der „Panther“ zeigt mir, wie ich meinen linken Arm um ihn lege. Dies geschieht in einer einzigen Bewegung und ich spüre genau, dass es richtig ist. Nicht zu viel, nicht zu wenig, nicht zu weit, nicht zu fest, nicht zu weich. Ich staune, denn meinem nach Sandelholz riechenden Tanzlehrer ist das nicht gelungen. Eher probierten wir in ständigen Variationen meine Umarmung, die dann nie wirklich richtig war. Zumindest für „Sandelholzöl“. Der „Panther“ macht das ganz einfach: Er stellt mich in die Ausgangssituation – und zwar so genau, dass es keiner Korrektur bedarf. Und dann geht es auch schon los, mit dem Warten auf den Impuls und dem Aufnehmen dieser Informationen. Dann das Antworten und so weiter und so weiter.

Sobald sich mein Frauenherz an seines schmiegt, höre ich wieder nur ein einziges Wort mit seiner weichen, tiefen Stimme: „Auuhfpasse!“ Und dann, nach der Korrektur meiner Haltung, höre ich ein sanftes: „Besser!“ Herrgott noch mal. Ergeben lehne ich meinen Kopf an seine argentinische Stirn.

Nach der halben Stunde nickt der „Panther“ freundlich, verzieht seinen wunderschönen Mund zu einem sparsamen Lächeln und dreht sich auf dem Absatz um. Das war’s.

Im Auto quält mich mein Mieder und ich fühle mich unkomfortabel. Zwei Gründe gibt es dafür: Zum einen hat sich der „Panther“ nur professionell mit mir beschäftigt. Und den anderen Grund kennen alle Frauen in meinem Alter. Sie verstehen mich, wenn ich von den Unmöglichkeiten der altersmäßigen Veränderung des weiblichen Körpers spreche. Ich vergleiche meine körperliche Hülle neuerdings mit einem Kleidungsstück. Ein Pullover, der immer gut passte, verliert nach allerhand Waschungen und Spülungen trotz seines guten Materials irgendwann – fast unmerklich – seine Form. Immer ein kleines Stück mehr. Und dann bemerkt Frau, dass er hier und da nicht mehr perfekt sitzt. Jetzt beginnt eine körperliche Akrobatik: Frau versucht, den inneren Körper an den äußerlichen Pullover anzugleichen, damit die weibliche Befindlichkeit sichergestellt ist. Nach einiger Zeit funktioniert das leider auch nicht mehr so ganz und Frau muss sich eingestehen, dass der Pullover nicht mehr sitzt. Jedenfalls nicht mehr so wie früher. Er ist an einigen Stellen ausgeleiert und faltig. Wahrscheinlich würde hier nur noch eine neue Körperfülle von innen helfen. Aber Frau will ja auf gar keinen Fall dicker werden, erst recht nicht in unserem Alter und schon gar nicht als Tangotänzerin!

Ich füge mich meinem Schicksal, fahre zur nächsten Milonga, setze ich mich in die Nähe der Bar an einen kleinen Tisch und richte mich auf damentechnische Wartezeiten ein. Die Tanzfläche ist sehr übersichtlich mit Paaren besetzt, die vermuten lassen, dass sie auch außerhalb des Tango echte Paare sind. Nach einer Weile spüre ich eine Hand auf meiner Schulter: „Tanzt du mit mir?“, fragt mich ein schlanker Mann in weißem Hemd. Mit ihm wage ich, die neuen Erkenntnisse aus meinem Unterricht mit „dem Panther“ umzusetzen: Ich arretiere mein Becken, bleibe synchron Brust an Brust, Schulter an Schulter, Herz an Herz, Atem an Atem. „Ich heiße Bernd“, sagt er nach dem ersten Tanz und lächelt. Alles ist gut.

Der Geruch von Sandelholzöl berührt meine Nasenflügel. Mein Tanzlehrer ist also gekommen. Er fordert mich zu einer Milonga auf. Und schon beginnt er mit einem kleinen Fingerdruck, meine Angespanntheit zu korrigieren, warnt mich verbal mit „geh nach vorne“, drückt meinen Körper nach unten – und schon zerbröckelt meine Erinnerung an ein wunderbares Körpertanzgefühl mit dem „Panther“, trotz ausgeleiertem Pullover. Er kann es nicht lassen, mein Tanzlehrer, mich auch in der Freizeit zu unterrichten. Würde er nur ab und zu mal ein „Besser“ flüstern, dann würden sich auch mit ihm ganz sicher flammende Tanzerlebnisse einstellen. So aber wird daraus nichts werden.

Von meinen weiteren Erlebnissen werde ich dir – wie immer – gerne berichten.

Liebe Grüße von deiner - M.

Fortsetzung folgt in Brief Nr. 5

© 2012 Tangodanza


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