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Tangodanza
Briefe an Karla

(3. Brief)


Liebe Karla,

es sind schon einige Wochen vergangen, seit ich von der sogenannten „Tangokrise” hörte. Bis dato konnte ich mir nichts darunter vorstellen. Ich befürchte allerdings, dass ich selbst in eine solche Krise geraten bin und dass sie durch meine wunderbaren Tanzerlebnisse mit dem talentierten rothaarigen Tänzer ausgelöst wurde. Seitdem gehe ich zu jeder Milonga mit der Hoffnung, diese schönen Gefühle – die ich in meinem inneren Einmachglas konserviert habe – wieder zu erleben.

Aber es gelingt nicht! Auch befürchte ich, dass die ganze Tangotanzerei meinem Ego sehr gut gefällt und es sich irgendwie ständig putzt und herauspoliert. Es stellt sich mir auch richtig widerspenstig, und manchmal sogar bösartig, in den Weg. Bläst sich auf und macht einen auf ganz wichtig und – du wirst es nicht glauben, Karla – ich gehorche ihm und manchmal weiß ich gar nicht mehr, wer nun wer ist.

Jetzt hat mich meine Hoffnung auf emotionale Empfänglichkeit und mein aufgeplustertes Ego in eine Identitätskrise geworfen. In meinem Kopf schleudert ein Satz unaufhörlich herum, der das scheinbar sinnlose Chaos beschreibt: „Stell dir vor es gibt eine Milonga und keiner geht hin! Heute waren viele nicht hingegangen, obwohl viele zu sehen waren.”

Ich bin also frustriert! So gerne möchte ich weiter schön tanzen. Durch dieses Bedürfnis werde ich offensichtlich wählerisch, denn bei meinem letzten Milongabesuch beäugte ich erwartungsvoll einen sehr guten Tänzer. Ich nenne ihn „Panther”. Sein Vorwärtsschritt geht tief in den Boden und von dort heraus kraftvoll in äußerst anmutige Bewegungen. Es ist so sexy! Er tanzte mit vielen Frauen, nur nicht mit mir! Einmal begegneten wir uns auf dem Weg zu den Waschräumen. Er lächelte mich so freundlich und zugewandt an, dass die Hoffnung auf einen gemeinsamen Tanz entflammte.

Aber die Realität holte mich ein und mein Ego drangsalierte mich mit wahren Veitstänzen, denn der Panther hat mich nicht aufgefordert. Von einer Minute zur anderen umhüllte mich eine Glocke, in der meine Selbstzweifel wieder aktiviert wurden. Eine Abwärtsspirale begann: Ich fühlte mich alsbald als blutige Anfängerin, die für einen Tänzer keine große Freude sein kann, da ich wahrscheinlich immer noch auf der Suche nach der eigenen Balance bin und die Unsicherheiten in der Schrittfolge nicht unterdrücken kann. Auch ist die Ängstlichkeit vor falschen Interpretationen spürbar und sicher vieles mehr. Aber wie soll ich bitte schön tanzen lernen, wenn keiner mit mir tanzt? Mein Herz schrie förmlich nach Anhörung.

Danach habe ich lange nachgegrübelt und bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich das Tangotanzenlernen aufgebe. Ausschlaggebend war auch die Äußerung einer sehr bekannten Tänzerin und Tanzlehrerin, die mir sagte: „In unserem Alter ist es schwer, ohne Partner tanzen zu gehen. Da sitzt du oft und wirst nicht aufgefordert. Das ist leider so. Es sei denn du kannst exzellent tanzen!” „Ach so!”, habe ich gequält geantwortet und meine Hoffnungen sind tief in mir zusammengefallen.

Das sind keine guten Aussichten! Und dabei plage ich mich durch eurointensive Einzelstunden, in denen ich versucht bin zu glauben, es gäbe eine tangotanzende Welt, die alle meine inneren Bedürfnisse erkennt und befriedigen kann. Und noch viel mehr: Würde ich den Hinweisen meines Tanzlehrers folgen, dann könnte ich mich emporheben von den Massen, die mühevoll in unendlichen Unterrichtsstunden ihr Ziel verfolgen, Toptänzer zu werden. Allerdings müsste ich nur noch mehr Entschlossenheit und Motivation aufbringen. Das würde heißen, dass ich auf jeden Fall noch mehr Unterrichtstunden nehmen müsste.

Die Frage ist allerdings, ob ich dann tatsächlich toptänzerisch im Zentrum stehen würde, eingetaucht in unendlicher Harmonie eines elegant tanzenden, vierbeinigen FrauMannGebildes, auf die alle Spots des Lebens gerichtet sind? Und wäre ich dann endlich befreit von der plagenden Suche nach Beachtung und Besonderheit?

Und außerdem – würde ich dann auch nicht mehr zu den gierigen Tangomassen gehören, die sich aus jeglichen sozialen Beziehungsfeldern herausziehen, um der Notwendigkeit nachzugehen, ununterbrochen Tanzen zu lernen? Ich würde ja dann auf einem hohen Podest tanzen und die bewundernden Blicke der am Rand Zurückgelassenen auf mir spüren. Oder, Karla?

Du siehst, wie mich mein Ego fertig macht. Es gehört wohl auch zur gierigen Masse. Oder warum verschmähe ich Haus und Hof und gehe lieber auf irgendwelche Milongas? Füge mich dort in die Reihen schöner, attraktiver, gut gekleideter und mitunter fast perfekt tanzender Frauen, die im besten Fall noch Jahre jünger sind. Ertrage dann auch noch freiwillig mein stilles Konkurrenzdenken und lange, lange damentechnische Sitzmomente. Und das zu einer Zeit, in der andere glückliche Menschen schlafen.

Ich muss irgendetwas an oder in mir haben, das mich glauben macht, der Tango könne mir etwas geben. Wie sonst soll ich mir meine Krise jetzt erklären?

Bin ich denn mittlerweile drogenabhängig geworden und glaube, dass da ein einziger Joint namens „guter Tänzer” mir für drei mal drei Minuten Glückseligkeit schenkt, ohne Nebenwirkungen?

Nein, das muss anders werden! Ich bin bereit zur Kapitulation. Obwohl ich noch immer nicht diese umwerfend sinnlichen Schuhe habe. Vielleicht würde dann der Panther mit mir tanzen?

Bitte erinnere mich nicht an mein „Einmachglas”. Ich will es nicht mehr haben. Und weitere Erlebnisse über den Tango werde ich dir nun auch nicht mehr berichten.


Liebe Grüße von deiner - nicht mehr Tango tanzenden - M.

Fortsetzung folgt in Brief Nr. 4

© 2011 Tangodanza


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