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Tangodanza
Briefe an Karla

(2. Brief)


Liebe Karla,

es ist Land ist in Sicht! Ich habe mich entschieden, mutig zu sein und bin tatsächlich alleine auf eine Milonga gegangen! Zurückhaltend in Schwarz gekleidet, fuhr ich an einem frühen Abend zum Tanzlokal und fand tatsächlich direkt davor einen Parkplatz. Als ich durch den Hof ging, um in das hintere Gebäude zu kommen, sah ich schon das erleuchtete Fenster im zweiten Stock. Die Tangotakte durchdrangen das nüchterne Treppenhaus und verursachten in meiner Brust ein ängstliches Klopfen. Ich trat ein und sah eine leere Tanzfläche. Nervös schaute ich mich um und erkannte, dass ich Mensch Nummer vier war - abgesehen von dem Kassenmädchen, dem DJ und der Tresenkraft. Bin ich zu früh gekommen? Eindeutig!

Karla, meine liebe Karla, was habe ich mir nur angetan! Mein Herz begann wild und ohrenbetäubend zu schlagen. Mir schien, als würden alle anwesenden Augen mich anschauen und schweigend fragen: „Wer ist sie?“, „Kann sie tanzen?“, „Wenn ja, wie gut?“, „Muss ich sie kennen?“, „Kennt sie vielleicht jemanden, den ich kenne?“, „Ist sie von hier oder auf Besuch?“

Mir wurde heiß und ich fühlte mich schlagartig unwohl! Nervös kramte ich in meinem Inneren nach der Haltung der „lässigen, unkomplizierten Junggebliebenen“ und tat dann so, als wäre ich völlig entspannt. Meine anhaltende Unsicherheit überspielte ich mit dem Studieren des ausgelegten Werbematerials. Ab und zu nahm ich eine Broschüre in die Hand, tat so als würde ich darin lesen und legte sie mit einem kurzen Kopfnicken wieder zurück.

Meiner Contenance allmählich wieder mächtig und hautklimatisch abgekühlt, ging ich zur Kasse, freute mich über das knappe Lächeln der Kassiererin - der einzige emotionale Strohhalm, an den ich mich für wenige Sekunden klammern konnte - und ging an den noch unbesetzten Tischen gespielt locker zur Garderobe. Dort legte ich meinen Mantel ab und setzte mich zum Anziehen meiner Tanzschuhe auf einen Stuhl. Schon kam ein Tänzer auf mich zu und forderte mich auf. Erschrocken lächelnd gestand ihm sofort: „Ich bin Anfängerin.“ Unbeachtet dessen tanzte er mit mir, das heißt, er versuchte mit mir zu Gehen. Dabei sagte er mir ins Ohr: „Sage nie wieder, dass du Anfängerin bist. Du wirst immer eine Anfängerin sein, egal wie lange du schon tanzt.“ Ich verstand überhaupt nichts! Nur eines wurde deutlich: Es trug nicht dazu bei, dass ich mich besser fühlte.

Nach diesen ersten drei „Im-Takt-Gehen-Tänzen“ in freier Wildbahn bin ich sofort nach Hause gefahren. Ich war so aufgewühlt, dass ich mich kaum beruhigen konnte. Einen weiteren Tanz mit einem fremden Mann, der mir unverständliche Kommentare absonderte, sowie weitere unbeholfene Gehversuche hätte ich nicht überstanden. Außerdem schüchterten mich zusätzlich die anderen Tanzwilligen ein, die inzwischen zahlreich gekommen waren. Und ich glaubte, dass nun alle Anwesenden gesehen hatten, dass ich nicht tanzen kann. Eine Schmach und nicht auszuhalten. Ich verschwand in der Garderobe, zog meine Straßenschuhe an und verließ unauffällig den Tanzsaal.

Eine Woche später hatte ich mich von diesem Schock erholt und bin erneut vollen Mutes zur Milonga gefahren. Dieses Mal wohlweislich zu einer späteren Stunde. Schon im Treppenhaus begann mein Herz wieder bis zur Schädeldecke zu klopfen, und ich befürchtete das Allerschlimmste. An diesem Abend fand ich schnell in das äußere Erscheinungsbild der lässigen, unkomplizierten Junggebliebenen und betrat das schon gut besuchte Tanzlokal.

Obwohl ich nicht offensiv Ausschau nach einem Tänzer hielt - das ist nicht meine Art, wie du weißt, liebe Karla - wurde ich aufgefordert! Natürlich war ich mir nicht sicher, ob das ein Segen oder ein Fluch war. Ich nickte und stand auf, zupfte an meinem Kleid, und dann geschah etwas Wundersames: Dieser Tänzer reichte mir seine linke Hand, so langsam und bewusst, so klar und wirkungsvoll, dass mir fast der Atem stockte und ich meine Hand nur noch sanft in die seine hineinlegen konnte. Dann hob er ein wenig seinen rechten Arm, schaute mir in die Augen und lud mich ganzkörperlich in seine Umarmung ein. Sofort richtete sich etwas in mir auf und ich spürte meine ganze Präsenz. Ich umarmte ihn. Er atmete tief in seinen Bauch, der sich ein wenig in den meinen wölbte. Ein unendlich langer Moment verzauberte alle Zeit dieser Welt und schenkte uns die Möglichkeit, zueinander zu finden.

Die Tänze mit ihm waren unbeschreiblich harmonisch. Der Rhythmus variierte, ebenso die Umarmungen und die Stille, in der nur ein fast unmerklich gemeinsames zartes Schwingen unsere Körper bewegte. Während der Musikwechsel schaute er mir direkt in die Augen, und nachdem er das neue Musikstück einatmete und so körperlich in sich aufnahm, reichte er mir wieder in dieser Bewusstheit seine Hand und lud mich erneut zu einem weiteren Tanz ein.

Ich war glückselig - für immer!

Später tanzte ich mit zwei weiteren Tänzern. Ich war plötzlich gefragt. Ich bin mir sicher, dass alle um uns herum gesehen haben, wie wunderbar ich mit diesem guten Tänzer mit dem etwas entrückten Blick und den weichen roten Haaren getanzt hatte. Und vielleicht entfachte dies eine kollektive, sehnsuchtvolle Hoffnung?

Ich weiß, das klingt sicher gerade sehr eingebildet. Ich als Anfängerin kann bestimmt keinen dieser Könner in irgendwelche tiefen, leidenschaftlichen Innigkeiten tanzen. Aber ein bisschen Eingebildetsein schadet nicht. Oder?

Spät in der Nacht saß ich mit einer Freundin auf den Stufen, die zur Bar führen. Wild fächerte ich mir Luft ins Gesicht. Mein Haaransatz war feucht, und die verdammten Schweißperlen waren inzwischen ebenso süchtig nach Einheit wie zwei Tanzende, so dass sie einen nassen Film auf meinem Nacken bildeten. Wie sollte ich den wohl trocken bekommen? In einem anderen Tanzlokal gab es einen Föhn auf der Damentoilette - eine hervorragende Geste des Veranstalters, was Empathie vermuten lässt.

Aber hier - im Ambiente von perfekter Schönheit - gab es natürlich nichts, womit ein Makel hätte beseitigt werden können. Hier hat man keinen Makel. Punkt! Weder ein Föhn, noch ein Deo oder Kleenextücher waren ausgelegt. Das ist mir völlig unverständlich, und ich empfinde es der Weiblichkeit gegenüber als sehr unsensibel. In einem wunderbaren vietnamesischen Restaurant - übrigens von einem bildhübschen Türken betrieben - gibt es auf der Damentoilette alles, was eine Frau gebrauchen kann: Kleenex, Föhn, Haarspray, Rasierer, Rasierschaum, Tampons, Deo und sonstige weiblichen „geheimen“ Utensilien. Auf der Herrentoilette soll es ähnliche Angebote für Männer geben. Aber hier gab es nur grobe Papierhandtücher, die bei Feuchtigkeit einen seltsamen chemischen Geruch absondern, den ich keinesfalls in meinem Nacken ablagern mochte.

Ich musste also ohne Hilfsmittel mit den Folgen beweglicher Beine und erhitzter Emotionen zurechtkommen. Plötzlich nahm ich eine zarte Bewegung wahr. Sie erschien an meiner rechten Gesichtshälfte und offerierte eine auffordernde Hand. Die Hand gehörte meinem rothaarigen Tänzer. Oh Gott - liebe Karla, wie wunderbar war dieser Augenblick. In Nullkommanix war jeder Zweifel an meinen tänzerischen Fähigkeiten abgeschmettert und die Welt der unhörbaren, bewegenden Intimität öffnete sich erneut. Wieder war ich glückselig und ich beschloss, dieses Gefühl zu konservieren - wie in einem Einmachglas: zumachen und bei unstillbarem Appetit erneut öffnen.

Ich werde es mir bewahren - für immer! Sollte ich es einmal vergessen, weil ich an meinen oder den Anforderungen der Tangowelt zu zerbrechen drohe, dann erinnere mich bitte an diese Glückseligkeit.

Der Tango hat heute etwas von mir selbst offenbart. Es ist ein Gefühl der Erinnerung, an etwas, was tief in mir verborgen ist und das Versprechen, dass es sich irgendwann beim Tanz zeigen wird.

Von meinen weiteren Erlebnissen werde ich dir gerne berichten.


Liebe Grüße von deiner M.

© 2011 Tangodanza


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