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Tangodanza
Briefe an Karla

(1. Brief)


Liebe Karla,

mir ist der Tango Argentino begegnet. Es war in Venedig, auf dem Markusplatz. Im Kreis zuschauender Menschen tanzte ein Paar in der Nachmittagssonne. Sie trug ein wunderschönes schwarzes Kleid. An der Taille hatte sie ein buntes Seidenband befestigt. Sie tanzte mit geschlossenen Augen und bewegte sich meistens rückwärts! Und das auf Schuhen mit feinen, dünnen und sehr hohen Absätzen, mindestens neun Zentimeter! Zarte Riemchen umschlossen ihre Fesseln und kreuzten sanft ihren Spann. Ab und zu bewegten sich die kleinen Zehen – sie waren natürlich rot lackiert. Sie ging in großen anmutigen Schritten nach hinten. Ihre Füße schienen eine tausendste Sekunde nachzuspüren, wohin sie gehen sollen und drehten sich fast nebeneinander gesetzt in ganzen und halben Kreisen. Ihre Knie berührten sich scheinbar, während sie im Arm ihres Tänzers in aufrechter Haltung blieb.

Der Mann, der sie hielt, war ein richtiger Mann. Ich meine, so ein Mann, in feinen Hosen und feinem Hemd. Sein markantes Gesicht wurde von prächtiger dunkler Haarpracht umrandet. Er war kein Deutscher und wenig größer als sie.

Er führte sie, die Schöne, zu melancholischer Musik sicher und entschieden. Manchmal schien es, als würde er innehalten und sie in Wenigkeiten drehen, ganz langsam, dem Ton eines Instruments folgend. Ein scheinbar atemloser Moment, der fein und viel versprechend knisterte.

Ja, ich weiß, das klingt kitschig. Aber mein Frauenherz wurde ergriffen und von Stund an für den Tango geweitet. Und noch etwas entfaltete sich in mir: der Wunsch, auch so anmutig und elegant zu tanzen, und solche Schuhe – ja, solche Schuhe wollte ich auch haben.

Ja, Karla, das will ich.

Leider gehört zum Tangotanzen ein Mann, und ich habe keinen Mann, der mit mir Tango tanzen will. Die ‚Szene’, ich meine diejenigen, die schon Tango tanzen können und sich in ihren Kreisen bewegen, bieten für solche wie mich, also die, die noch nicht können und keinen Partner haben, so genannte Tanzpartner-Vermittlerforen an. Das ist ja im Grunde genau wie eine Singlebörse, Karla. Da schreibt Frau ganz öffentlich im Internet, dass sie einen Mann sucht, weil sie keinen hat!

Das war mir unbehaglich, so dass ich mich erst einmal für Einzelstunden entschied.

Karla, meine liebe Karla, vor meiner ersten Unterrichtsstunde war ich ja so nervös und wusste überhaupt nicht, wie ich mich darstellen wollte. Ich überlegte, welches Bild mein zukünftiger Meister von mir haben sollte. Hin- und hergerissen zwischen mehreren Varianten entschied ich mich für die lässige, unkomplizierte Junggebliebene!

Er sah gut aus, mein Tanzlehrer. Ich meine, noch immer sah er gut aus, denn auch er gehörte zu den Junggebliebenen – und vielleicht sogar ein paar Jahre älter. Enttäuschend war ein wenig, dass er keine ausländische Abstammung vorweisen konnte. Vom Namen nach könnte man ihn eventuell osteuropäisch einordnen, und südländisch nur mit sonnengebräunter Haut. Die Wahrheit ist schlicht und deutsch.

Er begann seinen Unterricht mit „Na, dann tanzen wir erstmal...” Tanzen wir erst mal? Der hatte gut reden! Was in Gottes Namen soll ich tanzen? Ich habe meine Lebtage nicht mit tanzen verbracht. Ja, in der Disco und beim Happening in den 70ern. Aber sonst? Weder Walzer, noch Foxtrott oder ähnliches haben meine Beine je kennen gelernt. Ich bemerkte leichte Anwandlungen, sicherheitshalber zu einer Salzsäure zu erstarren, wusste aber sogleich, dass das kontraproduktiv gewesen wäre. Ich erinnerte mich an meine ausgesuchte Rolle der lässigen, unkomplizierten Junggebliebenen und begab mich ergeben in die Hände meines Tanzlehrers.

Dieser legte Tangomusik auf, und schon erschien vor meinem inneren Auge die Schöne im schwarzen Kleid. Mein Tanzlehrer bot mir seine Arme an und ich folgte seinen Körperbewegungen, die mich nach hinten drückten. Ich verstand: Ich sollte rückwärts gehen. Rückwärts? Wer geht schon rückwärts?

Mein Lehrer erklärte mir, dass ich mir vorstellen sollte, dass meine Beine am Ende meiner Schulterblätter angewachsen sind. Diese visionäre Vorstellung würde meine Schritte optisch verlängern. Obwohl mein Verstand sofort gegen diesen Unsinn rebellierte, hörte ich weiter aufmerksam meinem Tanzlehrer zu, der mir dann auch sagte, dass ich immer mit der Hand auf meinem Rücken in spürbarem Kontakt bleiben soll, da das außerordentlich wichtig sei für ein sicheres Gefühl. Sowohl für mich, als auch für meinen Tanzpartner.

Sofort versuchte ich, die Hand auf meinem Rücken aufzuspüren – und tatsächlich, da war eine Hand, seine Hand! Und plötzlich spürte ich auch, wie nah mir mein Tanzlehrer eigentlich war. Karla, der letzte Mann, den ich an meiner Brust spürte, war mein eigener. Seit Ewigkeiten war dort kein anderer zu spüren! Und jetzt dieser Tanzlehrer an meiner Brust, oder ich an seiner ?

Ich war gebannt zwischen der Hand unterhalb meines rechten Schulterblattes und männlicher Brust an meiner – weiblichen, natürlich.

Und dann sog meine Nase etwas wie Sandelholzöl auf. Sandelholzöl und Tangotanzlehrer? Ich begriff: Jetzt beginnt ein völlig neuer Lebensabschnitt, jetzt in dieser Sekunde mit Hand und Brust und Sandelholzöl.

Die Unterrichtsstunden haben mein Skelett, meine Bänder und Muskeln, meine Organe und Gelenke nach außen transportiert. Zeitweilig sah ich den Knick in meiner Wirbelsäule oben am ersten Halswirbel deutlich hervorstehen, wenn mein schwerer Schädel sich zur Brust des Tanzlehrers neigte. Meistens flüsterte er dann fragend in mein Ohr: „Wo ist deine Präsenz?” Sofort korrigierte ich mein Aufrechtsein. Seine Halskette mit dem kleinen Anhänger wird mir immer in Erinnerung bleiben. Sie hat mir oft geholfen, meinen Blick auf das ‚Gemeinsame Dritte’ zu fokussieren.

Ich liebte meinen Tanzlehrer. Er gab mir manchmal das Gefühl, wunderbar talentiert zu sein. Federleicht drehte sich meine Hüfte nach rechts und links, und meine kleinen Füße, die in schwarzen, plumpen Trainingsschuhe steckten, bohrten unendliche ‚Achten’ in den Parkettboden, während meine Brust mit seiner Brust ‚kommunizierte’. Aufrecht und selbstbewusst drehte ich mich um ihn herum und ließ mich atemlos und inniglich Tango tanzend umarmen.

Die Einzelstunden ruinierten meinen Geldbeutel. Mir wurde klar, dass ich mich von meinem Lehrer lösen musste. Wie du weißt, Karla, bin ich ja sehr anhänglich, und Trennungen sind nicht meine Stärke. Aber was würde aus mir werden, wenn ich mich nicht von ihm löste? Abgesehen von meiner finanziellen Krise, würde sich mein Tangotanzleben in einer belanglosen Fabriketage abspielen und die große Welt des Tangotanzens würde mir verschlossen bleiben. Ich würde also niemals hinreißende Schuhe tragen und niemals mit einem richtigen ausländischen Mann, der wenig größer ist als ich, Tango tanzen.

Ich musste also handeln! Was bedeutete, dass ich auf Milongas gehen müsste! Diese Erkenntnis beunruhigte mich sehr.

Nee, Karla, das geht ja noch gar nicht. Ich kann doch nicht mit meinen zweieinhalb Schrittkombinationen und meiner immer noch nicht gefundenen Achse, meinem noch nicht unter Spannung stehenden Fuß und der auch noch nicht lockeren Schulter und meiner immer wieder gesenkten Kopfhaltung und meinem angespannten rechten Arm und ... auf die Tangomenschheit losgelassen werden. Ganz abgesehen von der Frage, was ich denn auf einer Milonga anziehen soll.

Ich kam zu dem Ergebnis, dass ich doch einen Tanzpartner brauchte. Einen, der mit mir einen Workshop besucht und gemeinsam Gelerntes trainiert. Einen, der mich auf eine Milonga begleitet – und das hauptsächlich wegen der Befindlichkeiten. Du weißt schon, Karla, was ich damit meine: männlicher Schutz, der weibliche Unsicherheit in ein interessantes Nichts verwandelt.

Natürlich soll er nett und sympathisch sein. Auch charmant und zuverlässig. Humor- und rücksichtsvoll. Auch soll er gut aussehen und zu mir passen.

Eifrig durchstöberte ich die einschlägigen Portale und sichtete sogleich meine ‚Konkurrenz’. Ah ja, es gibt also noch andere, die suchen und es gibt eine Vielfalt von Suchwünschen: klein, groß, Anfänger, Fortgeschrittener, für Workshops oder Reisen, Milonga- oder Trainingspartner, führend oder folgend, älter oder jünger. Oft wird kein Partner, sondern nur ein Tanzpartner gesucht. Das glaube ich jetzt erst mal.

Nach einigen Unbequemlichkeitstagen und Sichtung geeigneter Fotos habe ich es tatsächlich getan: Ich habe mich eingereiht als Anfängerin, die einen Tanzpartner für einen Anfängerworkshop sucht, der Freude am Lernen hat – ganz öffentlich. Natürlich unter einem Pseudonym. Ich habe einfach den Namen meiner Katze genommen, darin finde ich mich wieder – zumindest was meine Ansprüche betrifft. Natürlich war ich nach Onlinestellung stündlich, dann täglich im Internet, in Erwartung, umwerfend viele und fast schon nervende Nachfragen zu erhalten.

Aber da kam ja gar nichts, Karla. Stille. Schweigen. Nichts. Ich werde nicht gesucht und keiner braucht mich.

Nach Wochen klingelte, während ich bügelte, mein Handy: „Hier ist Bernhard.” Bernhard suchte eine Tanzpartnerin (mich!). Er war sympathisch mit angenehmer Stimme und intelligenter Wortwahl. Unser Telefongespräch war überzeugend und eröffnete den Wunsch zur Prüfung, ob wir zusammen tanzen können. Wir verabredeten uns zu einem Workshop an einem Dienstagabend.

Bernhard sah Brad Pitt wirklich nicht ähnlich, war auch figürlich eher vergleichbar mit meinem Nachbarn: mittleres Alter, etwas runder Bauch und übersichtliche Frisur. Aber er hatte ein offenes, neugieriges, wenn auch ein wenig suchendes Wesen und wir tanzten überraschend gut miteinander. Zumindest angesichts dessen, was er von mir erwarten konnte und was ich von seiner Führung verstand und umsetzte.

Am nächsten Morgen plagten mich Kreuzschmerzen. Ich hatte unendlichen Muskelkater. Bernhard hatte es bevorzugt, mich öfters in ewig wiederholende Rückwärtsochos zu führen. Offensichtlich hatte der Umsetzung dieser Tanzchoreographie keine gute Tanztechnik von mir zugrunde gelegen.

Unerbittlich besuchten wir diesen einen Winterworkshop und verbrachten schöne gemeinsame Tangostunden. Auch die ersten Milongabesuche waren überaus aufregend für mich. Noch heute bin ich Bernhard dankbar, dass er mich an seiner schützenden Hand in die nächtliche, fremde Tangowelt einführte.

Leider habe ich mich von Bernhard trennen müssen, meine liebe Karla. Bernhard litt darunter, dass Frauen eben schneller vorankommen mit dem Tangotanzenlernen. Bernhard sagte, er als Mann müsse um vieles mehr lernen und er müsse auch mehr Verantwortung übernehmen, wie z.B. im Tanzsaal die richtige Richtung finden und einen guten Abstand zu den anderen Tanzenden halten und der Frau ein sicheres Gefühl bieten und schön soll sie auch aussehen, wenn sie tanzt und sich entfalten können. Sie hingegen, die Frau, könne die Augen schließen und sich führen lassen... Ach Bernhard, wenn das so einfach wäre!

Es kam zur Trennung, weil Bernhard in einem weiteren Workshop sehr angestrengt versuchte, eine Volcada (Erklärung zu einem späteren Zeitpunkt, meine Liebe) zu führen. Wenn eine Figur aus zwölf Schritten besteht, dann wollte Bernhard diese Figur mit allen zwölf Schritten trainieren, obwohl er die Schrittfolge von eins zu zwei noch nicht einmal verstanden hatte.

Das machte mich, gelinde gesagt, nervös und immer nervöser. Mein Körper verbog sich und drehte sich verzweifelt um eine immer wieder - teilweise grob - verschobene Mitte. Ich stolperte und hielt mich an seinem Strickpullover fest. Der Schweiß stand auf seiner blanken Stirn und der Atem wurde fahl. Aber es wurde trainiert: zwölf Schritte und verbale Forderungen wie „Du musst den Schritt hier nach vorne an meinem linken Bein viel größer machen, dann kann ich mich um deine Achse drehen.” Ok. Aber es scheiterte schon beim Versuch, meinen Schritt nach vorne zu beginnen, da Bernhards Fuß wie angewurzelt vor meinem stand. Kurz gesagt: Es gelang uns nichts mehr. Bernhard wurde - wie soll ich sagen - verbissener!

Ein Hexenschuss in meiner Hüfte hat den Workshop und die Beziehung zu Bernhard vorzeitig beendet.

Ich versuchte es noch einmal mit Herbert. Herbert näherte sich dem Tango wissenschaftlich. Er notierte auf Papier die einzelnen Schritte und übte danach. Erst ohne Musik, dann mit Musik. Dafür suchte er eine Partnerin. Aus uns wurde nichts.

Im Augenblick, meine liebe Karla, weiß ich noch nicht, wie ich jemals in den Besitz solch hinreißender Schuhe kommen werde. Zumal mir immer klarer wird, dass das Ziel, gut und schön zu tanzen, weit hinterm Horizont liegt. Und erst dort kann man solch schöne Schuhe tragen.

Von meinen weiteren Erlebnissen werde ich dir berichten.


Liebe Grüße von deiner M.

© 2011 Tangodanza


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