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Tangodanza
Briefe an Karla

(8. Brief)


Liebe Karla,

gestern Abend hatte mich der Anblick meiner Kleider in Verwirrung gebracht. Ich konnte mich nicht entscheiden, was ich auf der abendlichen Milonga anziehen sollte.

Gott sei Dank habe ich mich an meine extra eingerichtete Kleiderstange erinnert, auf der eine kleine Auswahl von Kleidern hängt, die sich beim Tanzen bewährt haben. Ich war selbst überrascht, als das erste Outfit sich so gut anfühlte, dass ich es anbehielt. Noch mehr war ich über mein eigenes Spiegelbild überrascht: Da lächelte mir eine hübsche Frau im seidenen Hemdchen und bunten Rock entgegen. Also – alles bestens!

Es war bereits stockdunkel als ich auf den wenig befahrenen Straßen in die Innenstadt fuhr. Ich fand sogar einen Parkplatz direkt vor der Tür. Whow! Ich war im Flow: Kleider passten, Stimmung passte, Parkplatz passte. Also – alles bestens!

Meinen ersten Blick auf die Milonga warf ich von draußen durch das hohe Glasfenster. Einige tanzende Paare schwebten über das Mahagoniparkett. Ich ging hinein, setzte mich nach einem unauffälligen Orientierungsblick durch den Saal an den Rand der Tanzfläche und zog meine Tanzschuhe an. Ach, was waren dort für schöne Menschen, Karla! Junge Paare, ältere, und alle waren sie schön. Und viele, viele, viele konnten sehr gut tanzen. Eine Tanda lang wurde Nuevo-Tango gespielt und ich staunte über die wundervollen, fast akrobatischen Tanzfiguren, die unendlich weichen Volcadas in verschiedenen Variationen, schwingende Beine, winzigste Ochos und glückliche Paare. Meine Augen wurden weit und weiter. Ich spürte wieder diese Lust, das Leben, die tollen Gefühle, das Warme und Schwitzende, das wortlose Versprechen, die beginnende Aufregung vor einer inspirierenden Begegnung. Karla, meine liebe Karla, welch ein Trost – der Tango.

Ein Mann setzte sich neben mich und berührte dabei meine Schulter – versehentlich. „Ach, das tut mir leid“, sagte er freudig, und weiter: „Vor dem Tango darf man sich ja nicht berühren. Nur beim Tango selbst.“ Ich lachte ihn an und sagte „Nach dem Tango aber auch nicht.“ Er schenkte mir wieder ein so freudiges Lächeln, reichte mir noch im Sitzen seine Hand und führte mich mit den Worten „Dann tanzen wir lieber!“ auf die Tanzfläche.

Sein freudiges Herz trug uns in den Tanz. Ganz dicht, Stirn an Stirn, verbanden sich unsere Bewegungen in einem heiteren Dialog. Ich hörte seinen Atem und sein Lachen. Manchmal, wenn sich die Musik zu einem Höhepunkt aufbaute, hörte ich in seinem Atem ein leises, begeistertes, zartes Pfiepen. Er konnte seine aufgeregte Erwartung kaum zügeln und fieberte dem Moment entgegen, in dem sich die Musik aufschäumte und er diese mit einer kraftvollen Bewegung akzentuierte, um danach wieder in ein entspanntes Lächeln abzufließen.

Der Schweiß tropfte uns zwischen den Kontaktarrealen an der Stirn herunter und ließ zumindest meine Haaransätze platt werden. In die Spitzen meiner Haare zauberte unsere gemeinsame Transpirationsflüssigkeit Kringellöckchen in mein Haar und die Frisur war hin.

Das alles war mir wurscht. Denn ich spürte Freude und entfernte mich mit jedem Takt von jeglichen Kümmernissen.

Kaum hatte ich mich erfrischt, forderte mich ein merkwürdiger Mann auf. Ich hatte ihn schon nach meiner Ankunft aus dem Augenwinkel wahrgenommen und beobachtet. Er hatte etwas von einer Hornisse. Nervös und hektisch ging er am Rand des Tanzsaals entlang und hielt Ausschau nach einer passenden Beute, die er dann beim Tanzen schmerzlich stach. Leider hatte er seinen Stachel auch auf mich gerichtet. Und trotz gesenktem Blick und sonstigen abweisenden körpersprachlichen Andeutungen stand er laut brummend direkt vor mir und zerrte mich auf die Tanzfläche. Ich war so schockiert, dass ich erst nach wenigen Minuten begriff, dass ich Opfer werden würde.

Er bohrte mich zur Milongamusik in eine Richtung, zerwarf grob und herrisch meine Achse, schleuderte mich in Drehungen weit ab von seinem Leib. Mit „Komm Mädchen“ wollte er mich anspornen. Ich empfand totale Entrüstung. Er war mindestens 65 Jahre alt. Tiefe Furchen modellierten sein attraktives Gesicht. Er hätte auch auf einem Tanzboden in Buenos Aires zu Hause sein können. Zu Beginn versuchte ich, mit ihm zu kämpfen. Gab seiner rechten Hand Gegendruck und versuchte bockig, Bewegungen zu blockieren. Doch sein „Komm Mädchen“ und sein gespitzter Stachel haben mich eingeschüchtert. Ich tanzte mit ihm um der Erfahrungen wegen. So habe ich es mir dann jedenfalls schön geredet. Ich kämpfte mich durch heftige Gefühle und versuchte, zwischen dem Geruch von beißender Hornissenflüssigkeit und 'Davidoff Cool Water' meine Seele zu retten.

Eine Freundin, die inzwischen auch zum Tanzen gekommen war, begrüßte mich mit „Du Arme, musstest du mit dem Terminator tanzen“. Ich muss dringend darüber nachdenken, ob sie jetzt noch eine Freundin für mich sein kann.

Wieder hatte ich mich kaum erfrischt, da sehe ich erneut eine auffordernde Männerhand. Ach, wie wunderbar, er hatte die Größe von 'Sandelholzöl' und ich fühlte mich sofort heimisch. Und er konnte tanzen und er konnte reden! Ja, er gab mir kleine Tipps wie „Lass dir Zeit, warte“, „Nicht so schnell“, „Bleib“ – und mit diesen Worten fügte er unser Zusammenspiel zu kühnsten, aus bedeutenden Schwingungen ertanzte, sehr kreative Figurenkombinationen. Jede Figur erzeugte ein neues Gefühl in mir und zu ihm. Sein leises „Gancho“, das er mir ins Ohr flüsterte, war umwerfend! Es diente mir zur Orientierung, wenn ich plötzlich vor lauter Aufregung sicherheitshalber zu einer Salzsäule erstarren wollte, und ermöglichte mir ein körperliches Training der für mich neuen Bewegungsabfolge.

Der konnte tanzen, Karla. Der konnte Volcadas führen, die ich überhaupt noch nie gesehen habe: Ich stand irgendwie auf beiden Füßen und er drehte mich solange, bis meine Füße gekreuzt waren, nahm mich dann aus meiner Achse, lehnte mich an seine Brust und hob mich dann – entzückend, ich sage dir, entzückend – ohne Komplikationen in meine Achse zurück. WHOW! Karla! Ich war begeistert! Er war begeistert!

Und wieder hatte ich mich kaum erfrischt, als es dann passierte, Karla. Karla, meine liebe Karla. Mein Herz begann zu schlagen – pong, pong, pong –, als dieser Tänzer mir seine linke Hand reichte, damit ich meine hineinlegen konnte. Und er tat dies so bewusst, so klar, so langsam und wirkungsvoll, dass mir fast der Atem stockte.

Ja, da stand er wieder vor mir, Karla, dieser Tänzer, und atmete die Musik in sich hinein, berührte meinen Bauch mit seinem, und wieder öffnete sich mein weiblichstes Herz, meine weiblichste Pore, mein weiblichstes Sein, um mit ihm zu sein. Das war Tango-Erotica. Ich spüre noch immer die Biesen seines Hemdes in meiner Handfläche, und ich rieche noch immer seinen Duft an meiner rechten Wange. Ich spüre ihn an meiner Brust und an meinem Innenarm. Ich hätte ihn küssen können, tief und leidenschaftlich. Es hätte keinen Unterschied gemacht, so haben wir getanzt, tief und leidenschaftlich. Er entließ mich mit zarter Hand und einem Kuss auf meiner Wange.

Jetzt wurde es Zeit zu gehen. Zu Hause angekommen, musste ich noch einen kleinen Brief schreiben:

Lieber Tango,
wenn es dich nicht gäbe, dann hätten viele Menschen tausende von Pralinen futtern müssen, um nur einen Hauch des Trostes zu erfahren, den du nur mit einem Takt verschenkst.

In diesem Sinne: Alles bestens!

Liebe Grüße
von deiner - M.

© 2014 Tangodanza


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