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Tangodanza

Leseprobe der Tangodanza Ausgabe Nr. 59 (3/2014)

Danza_Gaston_y_Moira.jpg Danza – Moira Castellano & Gastón Torelli - Tanze den Elephanten!
von Peter Mötteli

Die Idee ist vielleicht nicht neu, aber sie ist gut. Eine Imagination, eine Vorstellung zu entwickeln, zu verinnerlichen und diese dann zu tanzen. Sich eine Schlange, eine Giraffe, ein Zebra vorzustellen und sich dann im Stil dieses Tieres zu bewegen. Oder einfach den Tanzboden als heiße oder eiskalte Fläche zu denken. Vielleicht auch den Klang der Namen 'Pugliese' oder 'Di Sarli' gegenwärtig werden zu lassen und ihn dann zu tanzen. Bei unserer ersten Begegnung mit Moira und Gastón löste diese Anregung bei den Tänzern und Tänzerinnen ganz unmittelbar eine heitere und entspannte Stimmung aus, dies nicht nur dank einer vorgetanzten Einlage von Gaston, der auf das Stichwort 'Hund' elegant das Bein zu einem angedeuteten Rückwärtsvoleo hebt und damit eindeutige Assoziationen auslöst. Im Rahmen dieser Práctica mit Dutzenden von Teilnehmenden ließ sich beobachten, wie diese einfachen Vorstellungen ganz von selbst stimmige Bewegungsmuster generierten und es, quer durch alle Niveaus, plötzlich nicht mehr um die Philosophie der richtigen Schritte oder strittige Führungsfragen ging; …

Ambiente_Fortuna.jpg Ambiente – Tangoglück hinter Festungsmauern - Das ‚Café Fortuna’ in Ulm
von Gerhard Riedl

Ziemlich überrascht waren wir schon, als sich uns auf der Suche nach dieser Milonga der Anblick eines riesigen Forts mit imposanten Mauern bot. Die Anlage gehört – neben zirka 50 weiteren – zur ‚Bundesfestung Ulm’, die, Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut, als größte in Europa gilt. Was einst militärischen Zwecken diente, beherbergt nun unter anderem die Freie Waldorfschule Illerblick, und dort lehrt Elias Monrose Eurhythmie. Diese anthroposophische Idee, Schönheit und Gleichklang der Musik in die Sprache der Bewegung zu übersetzen, hat ihn – neben Erfahrungen in Ballett und Salsa – 1989 zum Tango gebracht. Seit 1994 unterrichtet er diesen Tanz. Und da man auf den rund 140 m2 Holzboden der hübsch renovierten Mensa – eben dem Café Fortuna – auch sehr gut tanzen kann, veranstaltet er dort seit zwölf Jahren jeden Donnerstag (außer in den Schulferien) einen Tango-Abend. Zur Seite steht ihm seine Partnerin Margit, die nach der Beschäftigung mit verschiedenen Bewegungskünsten im Jahr 2000 beim Tango gelandet ist. …

Serie_Milena_Plebs.jpg Serie – Milena Plebs - Die Ikone des Tango
von Ute Neumaier, Buenos Aires

Milena Plebs ist ein Profi, das ist nicht zu übersehen. Zum Gespräch bringt sie ein Köfferchen mit verschiedenen Outfits und Schuhen mit ... falls fotografiert werden sollte. Die Anforderungen an einen Bühnenstar sind ihr ein Begriff: zuerst als Tänzerin, dann als Choreografin oder als künstlerische Leiterin von Tangoshows hat sie sie von der Pike auf gelernt. Es gibt kaum jemanden in der Tangowelt, der Milenas Namen nicht kennt: sei es aus der mythischen Show Tango Argentino, aus Tango x 2 oder weil sie eine der Hauptfiguren war, die in den Neunzigern zur Wiederbelebung des Tango beigetragen haben. Im Interview spricht die prominente Tänzerin von sich als einer unglücklichen Heranwachsenden, von ihrem Weg mit und ohne Miguel Angel Zotto, darüber, wie die beiden zu Ikonen des Tango wurden und warum dieser Tanz so viele Menschen in seinen Bann zieht.

Du sollst als pubertierender Teenager einzig und allein im Tanz glücklich gewesen sein.

Ich war ein Scheidungskind. Als Pubertierende habe ich sehr unter der Trennung meiner Eltern gelitten. Ich hatte alles Materielle, aber etwas Wichtiges fehlte mir. Mit zehn ging ich in den Ballettunterricht und mit zwölf wusste ich, dass ich Tänzerin werden wollte. Der Tanz wurde eine Art Droge für mich, denn nur im Unterricht fühlte ich mich unversehrt. Wenn ich nach Hause kam, wollte ich nichts anderes als in den Tanzsaal zurück. Das blieb so, bis ich Miguel kennenlernte. Später habe ich natürlich gelernt, das Leben auch in anderen Momenten genießen zu können, nicht nur im Tanz…

Bandoneon_Anibal_Troilo.jpg Bandoneon – ‘El Gordo’ - Aníbal Troilo zum 100. Geburtstag
von Jürgen Bieler

Am 11. Juli hätte er seinen 100. Geburtstag feiern können, der Mann mit dem großen Bandoneon. Auch wenn er nicht mehr unter den Lebenden weilt, war ihm schon bei seinem Ableben ein Platz im ewigen Olymp des Tango sicher. Dabei wirkte seine Art, den Tango zu spielen, nie so kompromisslos-persönlich wie die von Pugliese, nicht so innovativ wie die von De Caro und Piazzolla und auch nicht so konsequent traditionell wie die von D'Arienzo. Trotzdem zählt Aníbal Troilo zu den Großen des Genres. Nicht zuletzt deshalb, weil er die Entwicklung dieser Musik ein halbes Jahrhundert lang, vom Cabaret-Tango der 1920er bis zum 'neuen' Tango der 1970er, miterlebt und als Instrumentalist, Komponist und Bandleader mitgestaltet hat. Er kannte den Tango – und der Tango kannte ihn. Bevor er sein eigenes Orchester gründete, hatte 'Pichuco' schon mit fast allen Musikern gearbeitet, die in dieser Musik Rang und Namen hatten. In der Retrospektive wirkt denn auch das, was er ab etwa 1940 präsentierte, wie eine Zusammenfassung vieler positiver und moderner Elemente, die er bei anderen studieren konnte. Die Tanzbarkeit und der straffe Beat der Bandoneons erinnern an Juan D'Arienzo, der variable Umgang mit der Form an De Caro…

Musica_Roulotte.jpg
Música – Roulotte Tango - „So jung und schon so perfekt!“
von Susanne Mühlhaus

Technische Probe im Parktheater Göggingen beim Festival Tango Lun’azul in Augsburg: Ich öffne die schwere Eingangstür und höre bekannte Tangoklänge – aber frisch, beinah fröhlich interpretiert, in neuer Vielfalt und Fülle und perfektem Zusammenspiel. Am liebsten würde ich mich jetzt verstecken und heimlich lostanzen, aber das geht ja nicht, ich bin ja zum Arbeiten hier. Noch einmal um die Ecke, die Treppe runter und dann sehe ich sie, die acht Mitglieder von 'Roulotte Tango': So jung und schon so perfekt! Dabei existiert das Kollektiv aus St. Etienne schon seit zehn Jahren, in der aktuellen Besetzung seit drei Jahren. Der Sänger Gaspar Capai, ein 'Hingucker' mit brauner Lockenmähne, stammt aus La Plata in der Provinz Buenos Aires und ist mit 33 Jahren der älteste der acht Musiker. Seine Stimme ähnelt tatsächlich der seines Lieblingssängers Roberto Goyeneche. Vor dem Tango war er als Rocksänger aktiv, ab dem 20. Lebensjahr sang er Tango mit Gitarrenbegleitung, reiste als Straßenmusiker durch Frankreich, lernte Julien Blondel kennen und fing dann mit dem Bandoneonspiel an. „Eines meiner Vorbilder ist Ruben Juarez; er war ja auch gleichzeitig Sänger und Bandoneonspieler.“ Anlässlich des 100. Geburtstages Aníbal Troilos in diesem Jahr befragte ich ihn auch gleich zu dem großen Bandoneon-Meister: „Mir gefällt Troilo – nicht wegen seiner Virtuosität, da gibt es andere –, aber als Orchesterleiter arbeitete er mit fantastischen Sängern und maß den Tangotexten eine bis dahin nicht da gewesene Bedeutung zu. Außerdem komponierte er einige großartige Stücke, die man sich auch auf bestuhlten Konzerten gerne anhört. Ich würde auch gerne mehr Zeit fürs Komponieren von Tango Canción haben.“ …

Portrait_Michael_Domke.jpg Portrait – Michael Domke - Über Freiheit, Empathie und Persönlichkeitswachstum
von Antje Andrassy

Michael Domke ist einer der 'Gründerväter' der Tangoszene in Deutschland, deren Entwicklung er als Lehrer, Showtänzer sowie als Veranstalter von internationalen Tangoreisen und Workshops unter anderem auch über 20 Jahre mit den Bremer La Milonga Studios sowie dem 1997 gemeinsam mit Gerrit Schüler gegründeten Tangolehrerausbildungsinstitut maßgeblich mitgestaltet hat. In München, wo er heute lebt, wenn er nicht auf Reisen ist, traf ich ihn zu einem Gespräch über vergangene Entwicklungen und Zukunftsperspektiven des Tangos in Deutschland, über das den Menschen fördernde Potential des Tanzes, die Vielfalt der Stile und persönliche Pläne.

Michael, in diesem Jahr feierst du 25-jähriges Tangolehrer-Jubiläum und hast die Entwicklung des Tango in Deutschland seit seiner 'Wiederauferstehung' in Europa ab Ende der 80er-Jahre sehr stark mit geprägt. Was waren aus deiner Sicht die maßgeblichen Entwicklungsschritte des Tango in dieser Zeit? (lange Pause) Ich fühle mich nicht in der Lage, ein komplettes Bild zu liefern, weil selbst in Deutschland so viele Prozesse in sehr viele Richtungen stattfinden. Anhand meiner eigenen Entwicklung, der meiner Partnerinnen, der Paare, mit denen ich zusammenarbeite, der Schulen, die ich kenne, kann ich aber ein klein bisschen einschätzen, was im Allgemeinen in der Tangowelt passiert ist…

CD_Kraayenhof_Fuerza.jpg CD-Recensión – Kraayenhof Tango Ensemble - „¡Fuerza!“
von Stefan Franzen

Als Niederländer, der sich dem Tango widmet, war er die ideale Besetzung, um bei der Hochzeit von – mittlerweile – König Willem Alexander und der argentinischstämmigen Gemahlin Máxima aufzuspielen. Das hat ihm seit 2002 so manche Tür geöffnet. Zu recht, wie diese neue CD von Carel Kraayenhof zeigt. Der Bandoneonist und Pianist präsentiert hier Arrangements mit Bandoneon-Trio und Streichquartett, die intensive Texturen und Klangfarben zaubern. Ganz konträr zum zupackenden CD-Titel startet das Repertoire mit einer erst versonnenen, dann in strahlendem Dur schreitenden Melodie, der die Streicher fast ein wenig asiatisch anmutende Glissandi zufügen. Das zärtliche Thema von Il Postino spielt Kraayenhof mit delikatem Flatterzungen-Effekt. Erst dann, mit Beginn der Kompositionen aus der Feder Piazzollas – Kraayenhof war sein persönlicher Schützling – wird es etwas rustikaler. Die 4 Jahreszeiten in Buenos Aires, in zwei Blöcke getrennt und vom Geiger Christiaan van Emert für Septett gesetzt, interpretiert Kraayenhof sehr physisch und lyrisch zugleich, ohne in künstliche Extreme zu verfallen. Schön arbeitet er im Frühling den melancholischen Mittelteil mit gedecktem Ton heraus, die Dissonanzen des Sommers kostet er mit der Wucht des Ensembles aus, dialogisiert dann leidenschaftlich mit Tijmen Huisinghs Violine…


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