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Tangodanza

Leseprobe der Tangodanza Ausgabe Nr. 60 (4.2014)

Noelia_Carlos_.jpg Danza – Noelia Hurtado & Carlos Espinoza - Die natürliche Art, Tango zu tanzen
von Susanne Mühlhaus

Wer sie zum ersten Mal sieht, schaut ihnen ungläubig und mit weit aufgerissenen Augen nach. Sie sind am anderen Ende der Tanzfläche angelangt und ich verdrehe meinen Oberkörper, um noch einen Blick auf sie zu erhaschen, vorbei an meinem Nachbarn, der sich in letzter Sekunde noch vor mich gedrängelt hat. Da sehe ich sein Gesicht – das des Nachbarn. 'Oh! Ob mein Mund wohl auch so offen steht?', frage ich mich und mache ihn zu – den Mund. Da ist eine wahre Symbiose auf der Tanzfläche unterwegs, und alle anderen sehen das auch.

Mein 'erstes Mal' mit Noelia Hurtado & Carlos Espinoza war im Juli 2013 in Porec (Kroatien); ich ging am nächsten Morgen sofort zum Festivalbüro und wollte Unterricht bei ihnen nehmen, egal was. Keine Chance, alles ausgebucht. War ja klar! Carlos, dieser kleine Mann, scheinbar geht er nur, und das ziemlich weit nach vorne geneigt, und Noelia macht alle möglichen Drehungen, aber ihre Oberkörper entfernen sich nur ganz selten voneinander. Beinah hüpfte ich vor Freude in die Luft: Das war ja ein Milonguero-Stil mit neuem Anstrich, schnell, langsam, Drehungen, beieinander, miteinander, und ganz viel Gehen auf unterschiedliche Weise. Da war alles drin...

Alison_Carlos.jpg Alison Murray & Carlos Boeri - Musik, Umarmung und ein Herzschlag haben keine Nationalität
von Ute Neumaier, Buenos Aires

Juni 2014 – Die Kanadierin Alison Murray und der Argentinier Carlos Boeri können es noch immer nicht fassen! Sie sind die zweifachen Gewinner im Campeonato Metropolitano de Tango de la Ciudad de Buenos Aires, der Tangomeisterschaft der argentinischen Metropole. Doch nicht immer stand die Teilnahme der heutigen Sieger der Kategorie Tango Senior unter einem so guten Stern. Als die Stadt 2011 die Bestimmungen des Wettbewerbs änderte, sollten sie wie viele andere Tangueros aus dem Ausland oder der Provinz von Buenos Aires davon ausgeschlossen werden. Im Interview erzählt das ungleiche Paar von seinem Weg mit dem Tango, seinem Kampf gegen ein verfassungswidriges Gesetz und gegen Ungerechtigkeit, aber auch vom Tango als einem Ort der Zugehörigkeit.

Herzlichen Glückwunsch zu eurem Sieg! Wie fühlt man sich als Campeones? Carlos: Es ist eine Anerkennung unseres Tango, die uns natürlich sehr glücklich macht. Aber in mir hat sich nichts verändert. Mein Alltag ist wie vorher auch, denn für meine Töchter macht es keinen Unterschied, dass ihr Papa Campeon ist. Alison: Ich glaube nun ein bisschen mehr an meine Art zu tanzen als zuvor...

Ambiente_Rodolfo.jpg Ambiente – Tango an der Ostsee - Das Rodolfo in Rostock
von Hans Gunia

Dass die Ostsee nicht nur schöne Strände und idyllische Landschaften zu bieten hat, sondern auch Tango vom Feinsten, beweist das Rodolfo in Rostock. Die Milonga liegt in der Nähe des Barnstorfer Waldes im ersten Stock des LT Studentenclubs. Es ist Freitagabend, ich schlängle mich durch das Restaurant des Clubs hinauf und gelange unmittelbar in die Milonga.

Es ist nicht mein erster Besuch und ich freue mich schon sehr auf Erik und Wiebke Janssen, die Gastgeber, und auf die ganz besondere Atmosphäre hier: eine Mischung aus Studentenclub und Bar mit traditioneller Tangomusik und familiärer Gastlichkeit. Die Tangueras und Tangueros sitzen rechts auf einer Art kleiner schmaler Empore auf Ledersitzen, weiter hinten im Raum gibt es einige Stehtische, links eine langgezogene Bar. Der Boden der Tanzfläche besteht aus Fliesen und der ganze Raum ist in rustikalem Holz gehalten. Ich setze mich zu Tänzern, die ich noch von meinem letzten Besuch her kenne, und komme schnell wieder mit ihnen ins Gespräch...

Aurora_Lubiz.jpg Serie – Aurora Lubiz - Tanzen: Freiheit für Körper und Seele
von Ute Neumaier, Buenos Aires

Aurora Lubiz in der Milonga – unübersehbar. In der von Ästhetik, Schönheit, Eleganz und Glamour geprägten Welt der Milongas von Buenos Aires dreht sie ihre Tandas auf entwaffnend ehrliche Art und Weise: mit kahlem Kopf. Man versteht sofort und ohne weitere Erklärungen. Ein Jahr danach spricht eine strahlende, jugendliche und warmherzige Frau ohne jegliches Drama von ihrer Krankheit und ihrem neuen Leben, das ihr diese beschert hat. Im Interview erzählt die berühmte Tänzerin und Lehrerin auch, warum ihre Karriere als Elevin am Teatro Colón im Alter von elf Jahren ein jähes Ende nahm, wie sie dennoch Tänzerin wurde und mit Jorge Firpo mehr als zwei Jahrzehnte auf den Bühnen der Welt tanzte.

Aurora, du hast im vergangenen Jahr einen großen Sieg errungen, nicht wahr?
Ja, vor genau einem Jahr habe ich beim Duschen einen großen Knoten an meiner Brust festgestellt. Mein Arzt wollte sofort operieren, ließ mich auf mein Bitten hin aber doch noch ein kurzes Engagement in China annehmen. Eine Woche nach der Rückkehr wurde ich operiert, dann folgten sechs Monate Chemotherapie, dann Bestrahlung. Und eben all das, was mit diesen Behandlungen so einhergeht. Das für meine Umwelt Offensichtlichste war vielleicht der Haarausfall...

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Discusión – Schlechte Zeiten für Tango-Musiker! - oder: Was ein Konzert tatsächlich kostet
von Ralf Brand

"Schlechte Zeiten für Tango-Musiker?" fragt Manfred Pickel aus Frankfurt in der vergangenen Tangodanza. Ich möchte darauf antworten aus Sicht eines langjährigen Veranstalters. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, die Zeiten sind schlecht! Für Musiker und für Veranstalter. Das Problem ist zunächst relativ simpel zu beschreiben: Livemusik zu präsentieren hat seinen Preis – und wenn es nicht ausreichend Publikum gibt, das bereit ist, diesen Preis zu zahlen, funktioniert es nicht mehr.

Ich will deshalb offenlegen, was Livemusik tatsächlich kostet und deshalb die Besucher zahlen müssen, damit es überhaupt funktioniert. Die Schlussfolgerung meiner Überlegungen ist unpopulär: Livemusik muss teurer werden. Dazu kommt: Eine Weiterentwicklung des Tango als Tanz ist auf lange Sicht nur dann denkbar, wenn auch die Tangomusik die Möglichkeit dazu hat. Die Rettung kommt nicht von findigen DJs, die immer neue Non-Tangos ausgraben und uns erklären, dass man dazu „auch toll Tango tanzen kann“. Vielmehr brauchen wir Tangomusiker, die in der Lage sind, die Tradition zu pflegen und weiter zu entwickeln. Musiker, die auch etwas Neues kreieren, etwas, zu dem es unglaublich Spaß macht zu tanzen...

Moda.jpg Moda – Guter Stoff für schöne Tänze - oder: Mit 125 Paar Schuhen nach Kroatien
von Jutta Haas

Tanzen, reisen und immer auf der Suche nach bequemer und gleichzeitig schöner Tanzkleidung und den besten Tangoschuhen – Angelika Maßler und Isabella Georgian haben aus der ‚Not’ eine Tugend gemacht und im beschaulichen Freiburg ein eigenes Ladengeschäft eröffnet. Hier bieten sie unter ihren Labels Malena Tango und Isabella León Tango Fashion außergewöhnliche und individuelle Tangokleidung ‚Made in Freiburg’ für Männer und Frauen sowie Tangoschuhe besonderer Hersteller an. Korallrot, strahlendes Weiß, glitzerndes Türkis, bunte Blumenmuster oder einfach ein schlichtes Schwarz – Tangoschuhe gibt es in fast allen Variationen und Farbkompositionen. Bei Malena Tango findet man neben ganz klassischen Exemplaren auch besonders originelle. „Ein guter Schuh bietet Stabilität, Komfort, Flexibilität und Leichtigkeit und soll beim Tanzen kaum spürbar sein“, so Angelika Maßler. Nach unzähligen Tangotänzen und mehreren Reisen nach Buenos Aires kam die Idee für einen eigenen Vertrieb für besondere Schuhe ganz unvermittelt, beim Kuchenbacken. Anfangs verkaufte sie ausschließlich auf Milongas und Festivals, 2011 wurde aus der ‚Backidee’ eine Kooperation mit eigenem Laden in Freiburg-Zähringen mit Isabella León Tango Fashion...

Embrace.jpg Festival 'Embrace' in Berlin - Wie Phoenix aus der Asche
von Thomas Kröter

Der Schock im Sommer vergangenen Jahres war ebenso groß wie heilsam: Das größte und teuerste internationale Tangofestival, das je in Berlin hätte stattfinden sollen – Pleite noch vor dem ersten Schritt auf dem Parkett. Doch die Szene der Stadt, die sich so gern im Ruf eines europäischen Buenos Aires sonnt, mochte die Schmach nicht auf sich sitzen lassen. Aus der gescheiterten Experience von 2013 ist nun 2014 Embrace geworden – ein Festival der neuen, ganz besonderen Art. Und ein Erfolg, der einlädt, auf diesem Weg weiter zu gehen.

Auf dem Weg zu Embrace gab es einen besonderen Moment: Am 16. November 2013 feierte die tangobegeisterte Fotografin Ishka Michocka die Finissage ihrer Ausstellung in der Berliner Galerie aquabit. Selbstverständlich wurde getanzt. Und irgendwann kamen die Gäste auf die Idee, den Namen des Projektes in die Tat umzusetzen: urban embrace.

Sie gingen hinaus auf die Auguststraße und umarmten jeden Passanten, der nicht schnell genug davonlief. Die meisten mochten es.

Genau das war es, was sie wollten, dachten sich Sven Elze und Horst Martin – Tangoprofi und Musiker der eine, der andere Hobbytänzer und PR-Fachmann im Filmbereich: eine Umarmung der Tangogemeinde untereinander, aber auch für ihre Stadt und die vielen Gäste, die jedes Jahr nach Berlin kommen, nicht nur zum Tango tanzen...

CD_Silencio.jpg CD-Recensión – 'Embrace' in Berlin - Silencio Orquesta Típica - Todo, menos la canción
von Jürgen Bieler

Ich sage es am besten gleich vorab: Dies ist keine Produktion, die sich leicht erschließt. Man braucht Zeit und Ruhe, um zu verstehen, was 'Silencio' hier treibt. Trotzdem ist die CD aus drei Gründen bemerkenswert: Die Spielweise ist ausgesprochen argentinisch, der Klang ungewöhnlich und dazu drücken sich sieben verschiedene Sänger das Mikrophon in die Hand.

Das Klangbild der neun Tracks erschreckt einen zuerst, denn alles ist reichlich laut und mit viel Hall aufgenommen. Die Geigen klingen schon mal etwas grell, untermalt von einem betagten Flügel, dessen Bässe abgelutscht wirken, dafür tendieren seine Höhen stellenweise zum Klingeln. Die Arrangements verzichten weitgehend auf solistische Elemente, sind aber bei näherem Hinhören richtig gut – weil konsequent auf Inhalt und Stimmung der Lieder sowie auf den jeweiligen Sänger angestimmt. In musikalischer Hinsicht lässt sich das bestens hören...


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