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Tangodanza
Briefe an Karla

(5. Brief)


Liebe Karla,

seit geraumer Zeit besuche ich ein sonntägliches Tangocafé. Ein mittlerweile befreundetes Tangopaar erzählte mir davon und ermutigte mich zu einem Besuch. In sehr familiärer Atmosphäre tanzen dort nie mehr als drei bis sieben Paare. Meist sind vereinzelt Frauen ohne Partner dort. Einzelne Herren habe ich leider noch nicht angetroffen. Die Übersichtlichkeit lässt schnell einen persönlichen Kontakt zu, so dass ich manchmal mehr Gespräche führe, als dass ich tanze.

Das ist die zunächst sichtbare Facette dieser Veranstaltung. Bei genauerer Beobachtung kann die kontrollierte Hand des Veranstalters, ein schon etwas in die Jahre gekommener Tangotanzlehrer, gesehen werden. Viel Wert wird hier auf sensible Wahrnehmung der eigenen Körperlichkeit gelegt. In der kleinen eingefügten Práctica werden Übungen für die Gewichtsverlagerung angeboten. Beim letzten Mal hatte ich bewusst ein Paar bequeme Schuhe mitgebracht, da ich auf meinen Tanzschuhen mit immerhin 7,5 cm Höhe natürlich nur herumwackele und die Gewichtsverlagerung auf das Ausbalancieren fokussiere. Was dann entsprechend dilettantisch aussieht.

Aber dieses Mal erschien es mir ein wenig sadomasochistisch, denn der Trainer ließ uns in Zeitlupe die Gewichtsverlagerung üben, und das mehrmals hintereinander. Vorbildlich waren seine eigenen eleganten und sehr sicheren Bewegungen. Ich fragte mich, wie viele Jahre ich wohl benötigen würde, um diese Körperübungen in dieser Perfektion auszuüben?

Anwesend waren drei einzelne Damen, die in feinen Kleidern und sehr hohen Schuhen aufreizend geschmückt und mit sehnsüchtigen Blicken den Anweisungen des Trainers folgten. Dieser schien sich in seiner Rolle außerordentlich wohl zu fühlen. Allerdings sorgten die einzelnen Damen für etwas Unruhe in der sonst eher aufgeräumten Atmosphäre. Denn auch die anderen männlichen Tänzer warfen interessierte Blicke auf die drei, und ich würde fast meine Hand dafür ins Feuer legen, dass der eine oder andere gedanklich den Versuch startete, eine von ihnen in seine Arme zu schließen. Aber das tat keiner, die ganzen zweieinhalb Stunden lang nicht. Leider bot auch der Tanzlehrer keine Hilfestellung für einen Partnerwechsel an, was ich sehr bedauerlich fand. Vielleicht wollte er die kontrollierte Einheit seiner Workshop-Schüler nicht durcheinander bringen. Und die Damen? Waren sie seine Privatschülerinnen?

Die Übungsschritte verfolgten wir im Spiegel. Dabei blitzte mir ein Bild entgegen, das den Tanzlehrer als Frontman im Kreise seiner weiblichen Mittänzer zeigte. Und ich mittendrin. Irgendwie konnte ich an diesem Bild keine Freude finden. Warum eigentlich nicht?

Die Tanzpartnerin des Meisters tanzte dann mit mir, während er selbst eine nach der anderen Einzeldame tänzerisch bediente. Allerdings begann er dann aus heiterem Himmel, mich zu beobachten und meinen Rückwärtsschritt zu bemängeln. Er tat das auf eine Art, die mein Wohlgefühl komplett zerstörte. So wie er es formulierte, Karla, war mein Bein zu kurz und im Knie geknickt. Er demonstrierte dies handgreiflich, indem er sich tief zum Tanzboden beugte und den Absatz meines Schuhs in die Hand nahm und nach hinten zog. Ich war also von einem anmutig nach hinten schreitenden Bein planetenhaft weit entfernt. Bevor mich in langsamen Wellen die Vorstufe ‚Frustration‘ vor der Depression ereilte, fragte ich mich, wieso mich nie zuvor irgendjemand sonst darauf hingewiesen hatte?

Danach tanzte er mit mir und korrigierte grausam. Immer wieder stand er auf den Spitzen meiner frisch geputzten Tanzschuhe. Ich begann zu schwitzen und gab zu, dass mein Becken nicht gerade nach hinten ging und deshalb eine Rotation entstehe, die den Schritt wackelig macht. „Gut, dass du es selber spürst“, gab er zum Besten. Langsam dämmerte mir, dass er auf diese Art zukünftige Unterrichtsstunden akquirierte. Es wäre zu romantisch gewesen, wenn er ein persönliches Interesse an meinem Können gehabt hätte und dieses die Grundlage für sein Engagement wäre.

Ich habe es wieder mal ertragen, Karla, und mir die allerbeste Mühe gegeben, der Schönen in Schwarz nachzueifern. Gott sei Dank neigte sich die Práctica dem Ende zu, und die kleinen und großen Verabschiedungsrituale nahmen ihren Lauf.

So, Karla. Ich bin jetzt erschöpft. Meine Beine sind geknickt und gekürzt, mein Kreuzbein schmerzt und ich bin gut präpariert für weitere kostspielige Unterrichtsstunden. Hatte ich nicht auf meinem Kreuzbein eine Tätowierung? Oder bringe ich da etwas durcheinander?

Besser ist, ich gehe strategisch vor: Ich werde eine kleine Tanzpause einlegen und am Freitagabend zur „schönen Milonga“ gehen. Mal sehen, ob ich dann wieder schön geworden bin und meine Beine etwas länger.

Von meinen weiteren Erlebnissen werde ich dir berichten.

Liebe Grüße von deiner - M.

© 2012 Tangodanza


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